Die Macht der Desinformation

„Die Ukraine bereitet eine Provokation mit einer schmutzigen Atombombe vor“, „Deutschland bereitet eine zweite Operation Barbarossa gegen Russland vor“ oder „Der Krokus-Terroranschlag wurde von westlichen Mächten als Teil des Stellvertreterkriegs der NATO gegen Russland inszeniert.“ Diese Schlagzeilen auf europäischen Nachrichtenseiten sind bewiesene Desinformationen und erscheinen nahezu täglich. Kai Wickenhäuser, Mitglied des Bundesverbandes Sicherheitspolitik an Hochschulen, ordnet das Phänomen ein und stellt mögliche Gegenstrategien und Problematiken vor.

Mit dem Beginn der ersten russischen Kampfhandlungen in der Ukraine begann im Jahr 2014 die Kampagne des Kremls zur Informationsmanipulation. Doch eigentlich wurde die Praktik der Desinformation schon im Kalten Krieg vom russischen Geheimdienst KGB entwickelt und ist seitdem ein außenpolitisches Instrument Russlands.

 

Desinformation kann als Kommunikationsstrategie eines Akteurs begriffen werden, bei der bewusst unwahre Meldungen mit der Absicht, den Empfänger zu täuschen, über verschiedene Informationskanäle an die Zielgruppe gestreut werden. Zwar geschieht Desinformation zurzeit vorrangig im Internet und in sozialen Medien, sie kann jedoch auch durch Printmedien, Rundfunk und interpersonelle Kommunikation verbreitet werden. Für die Erstellung von Desinformationen muss zunächst das Zielpublikum nach Sorgen, Ängsten und Konfliktlinien analysiert werden, bevor Narrative gebildet werden, die jene Probleme adressieren. Diese Narrative werden anschließend durch Medien verbreitet und von unkritischen Stimmen im politischen Diskurs verankert.

 

Die Urheber von Desinformationen nutzen die menschliche Neigung aus, wonach man eine Information eher für wahr hält, wenn sie häufiger erscheint und sich somit eine falsche Information in der Öffentlichkeit verfestigt. Empfänglich sind vor allem Menschen mit großem Misstrauen gegen das Medien- oder politische System. Ein verstärkender Faktor ist die sogenannte Kostenloskultur des Internets, durch die Informationen gratis verfügbar sind und durch die Nutzer weniger bereit sind, für Qualitätsmedien zu zahlen. Dies fördert den Konsum von Nachrichten über soziale Medien.

 

Das Ziel von Desinformation ist es, durch die Beeinflussung der öffentlichen Meinung die Gesellschaft des Empfängerlandes zu destabilisieren und Wahlergebnisse zu beeinflussen. Gleichzeitig soll das Vertrauen in traditionelle Qualitätsmedien zerstört werden, um so Angriffspunkte für weitere Desinformationen zu setzen. Langfristig soll die Legitimität von Institutionen untergraben und somit eine politische Apathie und Politikverdrossenheit erzeugt werden. Offene pluralistische und demokratische Staaten sind dieser Gefahr besonders exponiert. Schrumpfende Nutzerzahlen von Qualitätsnachrichten und das sinkende Vertrauen in etablierte Parteien fördern die Wahl populistischer Parteien, welche die Spaltung der Gesellschaft weiter vorantreiben.

 

Die EU hat bereits 2018 einen Aktionsplan gegen das Phänomen Desinformation beschlossen. Der Plan sieht vor, die Früherkennung von Desinformationen und die gemeinsamen Gegenmaßnahmen zu verbessern, den Privatsektor zu mobilisieren und Resilienz in der Gesellschaft aufzubauen. Auf Letzteres kommt es besonders an. Da Desinformationen im digitalen Zeitalter nicht verschwinden werden, muss die Medienkompetenz in der Gesellschaft gestärkt werden. Nachrichten kritisch zu hinterfragen, wird durch die Deutsche Welle Akademie im „Media and Information Literacy“-Programm vermittelt. Doch da in der heutigen Zeit selbst Kinder via TikTok Desinformationen konsumieren können, muss bereits in der Schule die Fähigkeit gestärkt werden, Informationen im Netz kritisch zu reflektieren. Somit kann in der heranwachsenden Generation jene Resilienz gegen diese Art von Propaganda aufgebaut werden.

 

Doch wie dringt man zu Menschen vor, die das Vertrauen in traditionelle Medien und Politik komplett verloren haben und sich tief im Netz der Desinformation befinden? Über den Kanal der Qualitätsmedien, zivilgesellschaftliche oder politische Programme sind diese Menschen jedenfalls nicht mehr zu erreichen. 

 

Kai Wickenhäuser