Vor mehr als 200 Tagen haben die ukrainischen Streitkräfte im Kampf gegen die russischen Aggressoren zur Gegenoffensive angesetzt. Dabei konnte die Ukraine kaum Geländegewinne Verzeichnen und ein Vorstoß bis zum Asowschen Meer blieb aus. Ziel der Ukraine ist es, die vollständige territoriale Integrität wie der herzustellen. Russland scheint sich auf den Osten des Landes zu fokussieren und erhöht zunehmend den Druck auf die Eckpfeiler der ukrainischen Verteidigung. Der Krieg in der Ukraine ähnelt immer mehr der Westfront des Ersten Weltkrieges im Jahr 1916. Vorstöße von wenigen hundert Metern waren mit hohen Verlusten verbunden. Kann die Ukraine einen militärischen Sieg erringen? Ist ein anderes Kriegsende in Sicht? Bereits nach den ersten Wochen war absehbar, dass der Krieg nicht in wenigen Monaten entschieden werden kann. Derzeit scheinen beide Parteien nicht die Ressourcen zu besitzen, die Gegenseite militärisch zu besiegen. Der ukrainische Armeechef Saluschnyj warnte bereits im November 2023 vor einer Pattsituation.
Für eine erfolgversprechende Offensive benötigt die Ukraine, bereits seit dem vergangenen Winter 300 Panzer, 700 Schützenpanzer und 500 Artilleriesysteme. Von den angeforderten Waffen wurden von den Verbündeten nur die Hälfte geliefert. Der militärische Erfolg der Ukraine hängt vom Willen ihrer Partner ab, wie weit diese die Ukraine unterstützen wollen. Die Unterstützung für die Ukraine wiederum wird beeinflusst von der Risikoeinschätzung einer Eskalation mit Russland. Ohne zügige und verstärkte Waffenlieferungen fehlen der Ukraine die Mittel, ihre territoriale Integrität wiederherzustellen. Russland dagegen stellt sich auch wirtschaftlich auf einen langen Konflikt ein und versucht im Osten die Initiative zu ergreifen. Die Zeit spielt gegen die Ukraine. Russland versucht dies auszunutzen und die Ukraine langsam zu zermürben. In einem Krieg besiegt eine Kriegspartei die andere entweder vollständig oder es entsteht eine für beide Seiten verlustreiche Pattsituation. Ersteres, so hat es die Kriegswirklichkeit in der Ukraine gezeigt, ist derzeit für beide Seiten unwahrscheinlich. Wesentlich wahrscheinlicher ist es, dass die die militärische Lage zu einem Waffenstillstand oder zu einem diplomatischen Kompromiss führen kann. Beide Optionen könnten einen Gebietsverlust für die Ukraine bedeuten, da Russlands Rhetorik darauf hindeutet, die eroberten und annektierten Gebiete nicht zurückgeben zu wollen.
Dieses Szenario erinnert an den Koreakrieg, der nach zwei Jahre Verhandlungen und parallel fortgeführten Kämpfen mit einem Waffenstillstand endete. Bei einem solchen Korea-Szenario hätte die Nachkriegs-Ukraine durch einen Kompromiss die Möglichkeit, die eigene Infrastruktur und Wirtschaft wieder aufzubauen und sich in die europäischen Sicherheitsordnung zu integrieren. Der Preis dafür könnte allerdings sehr hoch sein, wenn die Ukraine einen solchen Kompromiss mit dem Verlust von knapp 18 Prozent des Staatsgebietes bezahlen würde. Für die ukrainische Führung kommt dieses Szenario nicht in Frage. Ziel ist es, den Gegner militärisch zu besiegen. Dafür notwendig sind massive Waffenlieferungen des Westens. Doch selbst wenn die Ukraine alle geforderten Güter erhalten würde und das gesamte Staatsgebiet befreien könnte, würde dies nicht zwangsläufig das Ende der russischen Aggressionen bedeuten.
Russland könnte weiterhin Ziele in der Ukraine mit Distanzwaffen aus dem eigenen Staatsgebiet angreifen. Denkbar aus der Sicht der Ukraine wäre ein Spillover-Effekt des militärischen Kollapses auf das politische System Russlands. Da- mit wäre die Hoffnung auf einen politischen Umbruch in Russland verbunden. Ob dieses Szenario realistisch ist, kann angezweifelt werden. Vielmehr könnte es in den nächsten Jahren zu einem Waffenstillstand kommen. Bis dahin werden beide Seiten versuchen, durch militärische Erfolge und Gebietsgewinne, ihre Verhandlungsposition zu verbessern und dabei hohe Verluste erleiden.
K. Wickenhäuser

